TALLINN & Insel Prangli - Unterwegs in Estland

In dieser Radioreise nimmt Sie Alexander Tauscher mit nach Tallinn. Freuen Sie sich auf eine der europäischen Kulturhauptstädte. Wir besuchen angesagte Festivals und ein Theater aus Stroh. Natürlich der klassische Stadtrundgang nicht fehlen, bei dem wir immer wieder auf den russischen Einfluss Estlands zu sprechen kommen. Später steigen wir aufs Conference-Bike radeln entlang der Ostseeküste. Gruselig und mitunter auch ulkig wird es im KGB-Museum. Ein ehemaliges Hotel offenbart, wie der sowjetische Geheimdienst früher manche Gäste ausspioniert hatte. Auswanderer aus England und Malta verraten uns, warum sie es hierher ins Baltikum verschlagen hat. Wir gönnen uns einen Sundowner hoch über den Dächern der estnischen Haupstadt und klopften in der Wohnung des Staatspräsidenten beinahe an die Türe. Einmalig ist die Insel Prangli vor der Küste von Tallinn. Hier scheint das Leben um Jahrzehnte zurückversetzt zu sein. Auf dieser Insel hören wir Geschichten von versuchter Flucht über die Ostsee in den Westen. Am Ende der Radioreise fahren wir entlang der Ostsee von Tallinn südwestwärts in die Rigaer Bucht zu einem der beliebtesten Ostsee-Badeorte im Baltikum, nach Jurmala.

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Verglichen mit anderen Hauptstädten ist Tallinn recht klein. Nicht mal eine halbe Million Menschen leben hier.  Tallinn liegt am Südrand des Finnischen Meerbusens und Finnland ist in Reichweite. Nur 80 Kilometer sind auf dem Wasser bis Helsinki.


Wir starten unsere Radioreise mit dem klassischen Alstadt-Rundgang. Tallinn heißt so viel wie hölzerne Burg. Davon zeugt der heutige Domberg, auf dem Tallinn im 11. Jahrhundert als Handelsplatz und  Hafen gegründet wurde.


Bis zum 24. Februar 1918 hieß Tallinn amtlich Reval. Dies war im deutschsprachigen Raum auch danach noch gebräuchlicher Name. Den Namen Tallinn trug die Stadt im Estnischen bereits seit der Eroberung durch den dänischen König Waldemar im Jahr 1219.


Kaum eine andere mittelalterliche Hansestadt in Europa ist so gut erhalten wie Tallinn. In der Altstadt ist die Hanse so präsent wie einst: beeindruckende Patrizierhäuser und Jahrhunderte alte Speichergebäude und hohe Türme von Kaufmannskirchen.


Mit der Geschichte der Hanse in den Städten Estlands kann man sich in Tallinns Museen vertraut machen. Die Hanse ist quasi eine Europäische Union der Frühzeit: Denn rund 500 Jahre lang wurde an der Ost- und Nordsee intensiver Handel betrieben. Mehr als 200 Städte in Europa waren mit zehntausenden Schiffen verbunden, aber auch viele Städte im Landesinneren.


Dabei war die Hanse weit mehr als eine Handelsorganisation. Sie war ein Schutzbund der Städte, einige davon an Ost- und Nordsee, weit mehr jedoch im Binnenland. Kaufleute, Handwerker, sogar Forscher und Entdecker haben in der Hansel ihre Spuren hinterlassen.
Einen tollen Blick auf den Hafen bietet der 124 Meter hohe Kirchturm der St. Olai-Kirche.


Auf dem Weg dahin liegt die älteste Apotheke Europas, die Rathaus-Apotheke, meist auf jeder Tour durch die City. Zu empfehlen ist auch das Schloss auf dem Domberg, das Haus der Großen Gilde und unterwegs eine Pause im Restaurant des „Olde Hanse-Haues“. Wir machen auf dem Radioreise-Rundgang eine kurze Rast im Sommergarten.


Hier in der Nähe wohnt der Staatspräsident oder die Staatspräsidentin des Landes weitgehend ohne große Schutzvorkehrungen. Warum, erfahren Sie bei uns in der Sendung. Auch das Parlament kommt äußerlich nicht protzig daher.


Im Baltikum wurde die Tradition der Hanse zu Sowjetzeiten vernachlässigt bis ignoriert. Doch nach der Wende knüpfte man wieder an die Hanse an. Dafür sorgte maßgeblich Inger Harlevi, die Vizepräsidentin des Städtebundes „Die Hanse“. Die Schwedin war in den Nachwendejahren viel nach Osteuropa, auch ins Baltikum gereist. Sie hat sogar versucht, mit Russland entsprechende Kooperationen zu schließen. Im Radioreise-Interview betont sie, dass die Hanse auch für den Tourismus wichtig ist. 


Wer über Tallinn spricht, darf die russische Kultur nicht unerwähnt lassen. Ab Anfang des 18. Jahrhunderts gehörte Estland zum Russischen Zarenreich. Dies ist auch im Herzen Tallinns sichtbar. Unübersehbar ragt die große Alexander Newski-Kathedrale über der Stadt.


Estland und Russland haben ein politisch nicht gerade einfaches Verhältnis. Dabei darf nie vergessen werden, dass die Russen ein Viertel der Bevölkerung Estlands ausmachen.


Mit einer Menschenkette durch die damaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen hatten im August 1989 hunderttausende Balten für ihre Unabhängigkeit demonstriert. Damit erinnerten sie an den Hitler-Stalin-Pakt, mit dem diese drei Staaten von der Sowjetunion annektiert wurden. Nach den Ereignissen rund um die Krim und die Ostukraine fühlen sich die Menschen im Baltikum immer noch – oder wieder – bedroht. Ob das gerechtfertigt ist und ob nicht auch manche NATO-Manöver im Baltikum Russland provozieren, wollen und können wir in der Radioreise nicht diskutieren. Wir schauen auf den russischen Einfluss im Stadtbild von Tallinn. Man sieht den Einfluss aus der Zarenzeit in den historischen Gebäuden wie zum Beispiel der Newski- Kathedrale und in etlichen administrativen Gebäuden.


Der Anteil der Russen in Tallinn wird so auf etwa 40 Prozent geschätzt. Viele ältere Esten können noch Russisch sprechen, da Sie es in der Sowjetunion gelernt hatten. Russen in Estland können einen estnischen oder russischen Pass haben. Man hört im Straßenbild auf jeden Fall oft die russische Sprache. Auf dem Zentralmarkt von Tallinn verkaufen vor allem die Russen in Estland ihre Lebensmittel: Hier duftet es nach Gurken, Tomaten, Paprikas, nach marinierten und getrockneten Pilzen, eingelegter Auberginen-Paste oder frischen Gartenkräutern.


Auf diesem Markt, der  uns sehr stark an Russland erinnerte, werden Piroggen aus Kraut oder Fleisch noch selbst gefertigt. Die Bauern der Region verkaufen ihre eingelegten Produkte in selbst abgefüllten Gläsern. Hätten wir nicht die Gepäckbeschränkung im Flugzeug, würden wir von hier sicher mit sehr vollen Taschen zurückkommen.


Man kann Tallinn auf verschiedene Weise erkunden: Zu Fuß, im Doppeldecker-Bus, auf dem Mountainbike, im Tandem oder mit einem conference-Bike.


Der City Bike Fahrradverleih bietet Fahrräder: Mountainbikes, Stadträder, Trekkingräder, Rennräder, dazu noch Tandems, Kinderräder, Sitze und Anhänger.  Im Preis enthalten sind ein Helm, eine gelbe Weste mit Reflektoren und ein Fahrradschloss. Zusätzlich können wasserdichte Radtaschen, Taschen mit Kartentasche für die Lenkstange, GPS Handgeräte und Fahrradcomputer gebucht werden.


Wir erreichen mit dem Bike den Hafen von Tallinn.


Der Hafen ist nicht nur ein wichtiger Kreuzfahrthafen, sondern auch ein bedeutender Fährhafen. Kreuzfahrtschiffe legen an den zwei langen Pieren in der Cruise Area an. Dort ist Platz für insgesamt vier Kreuzfahrtschiffe.


Bei gutem Wetter sieht man von erhöhten Punkten in Tallinn ganz dünn am Horizont die Silhouette von Helsinki. Finnland ist nur ein Katzensprung entfernt. Das freut insbesondere die Finnen, die sehr oft und gerne nach Estland fahren. 


Für die langen und dunklen Winter im Norden versorgen sich die Finnen hier in Tallinn mit entsprechendem flüssigen Proviant. Bier und Schnaps sind nämlich in Estland um ein Vielfaches billiger als in Finnland. Wenn die Schnell-Fähre aus Helsinki nach rund zwei Stunden im Hafen von Tallinn anlegt, führt die meisten Finnen der erste Weg in den Einkaufsmarkt. Alte Lagerhallen aus Ziegelsteinen säumen den Hafen von Tallinn.


Man kann also einen Tallinn-Urlaub auch ganz problemlos mit Helsinik verbinden. Die Schnellfähre braucht etwa zwei Stunden. Noch schneller, aber auch teurer, mit dem Hubschrauber. Es gibt außerdem Fähr-Verbindungen zum Beispiel nach Stockholm und nach St. Petersburg. Außerdem ist Tallinn eine beliebte Station auf den Ostseekreuzfahrten.


Im Jahr 2011 zog Tallinn viel Aufmerksamkeit auf sich. In diesem Jahr war die estnische Hauptstadt stolzer Träger des Titels "Europäische Kulturhauptstadt". Wie immer soll dieser Titel ja auch länger tragen – mit Projekten, die keine Eintagsfliege sind. Tallinn hatte überzeugt, wenn auch nicht mit so viel Gigantischem wie das Ruhrgebiet ein Jahr zuvor.  Drei Jahre nach Tallinn bekam die lettische Hauptstadt Riga diesen Titel.


Die vielen Veranstaltungen der Kulturhauptstadtwochen sollte auch die breite der Festivals und Konzerte in Tallinn sichtbar machen. Von Klassik über Jazz und Volksmusik bis hin zu Festivals der elektronischen Musik wird die ganze Bandbreite an musikalischen Vorlieben und Genres bedient.
Viele Konzerte gehen im Kunst-Museum von Tallinn über die Bühne. Ein Projekt der Kulturhauptstadt dauerte nur einen Sommer: Das Stroh-Theater.


Zur Philosophie dieses Hauses, dass am Ende mit einem Feuer bewusst beendet wurde, hören Sie ein Radioreise-Interview mit Paul Agurajua, der damals Producer des Stroh-Theaters war und den wir während einer Theaterprobe trafen. 


Kulturell und architektonisch will man in Tallinn das Erbe der alten Sowjetzeit überwinden. Gleichzeitig wird diese jüngere Geschichte erlebbar gemacht. Das Hotel Viru soll Kulturbrücke und Schatzkammer historischer Geschichten werden. Hier befindet das erste estnische Hotelmuseum mit dem Titel „Hotel Viru und KGB“. 


Die Besucher hören Geschichten über die Geschichte über die Rolle des KGB. In diesem Hotel in Tallinn, dass ja von Finnland gebaut wurde, stiegen viele Gäste aus Westeuropa ab, die man genau unter die Lupe nehmen nehmen wollte. Deswegen installierte der Geheimdienst in vielen Zimmern versteckte Wanzen. All die Drähte flossen im 31. Stock zusammen und wurden abgehört und ausgewertet. Maria Pommer führte unsere Gruppe durch die mystischen Räume.


Auf einer Zimmer-Tür stand übersetzt „Hier drin ist nichts“. Doch, wie wir jetzt wissen, war sehr viel darin...


Der KGB hat hier viele Jahrzehnte geschaltet und gewaltet.  1991 ist er aus dem Hotel geflohen – in einer Nacht- und Nebelaktion – wie sich das für einen Geheimdienst gehört...


Heute verbindet die Ostsee die Länder Skandinaviens mit dem Baltikum und Russland. Lange war auch quer über die Ostsee der eiserne Vorhang gespannt worden, der noch tiefer und fester war als manche Barriere heute zwischen Ost und West. Daher war auch ein großer Teil der Küstenpromenade in Tallinn gesperrt gewesen, aus Angst vor einer Flucht nach Finnland. Auch die kleine Insel Prangli in der Bucht von Tallinn war militärisches Sperrgebiet. Ein Teil der Insel war umzäunt.


Auch heute ist das Leben hier vergleichsweise hart. Nur rund 100 Menschen überwintern auf der Insel. Im Sommer wohnen etwa 300 Menschen auf der Insel Prangli. Mit einem kleinen Motorboot machen wir uns auf den Weg auf die kleine Insel zwischen Estland und Finnland.


Auf der Insel haben wir einige Geschichten über versuchte Fluchten in den Westen gehört. Denn von Prangli sind es aber noch rund 70 Kilometer bis zur finnischen Küste. Das ging damals nur mit einem Boot. Aber oft ist die Flucht auch hier gescheitert.


Wer als Tourist auf der Insel ankommt, der muss auf den sonst üblichen Luxus verzichten. Statt im Reisebuss geht es in einem offenen Jeep über die Insel, über eine huckelige Piste aus Sand und Steinen.


Dafür wird man von einem tollen Panorama belohnt. Mal ist es ein dichter Kiefernwald, dann ein kleines Feld – und immer wieder verstreut romantische Holzhäuser.


In einem dieser traditionallen Holzhäuser wohnt Jutta Klemmer inzwischen als Rentnerin.


Die Insel hat Strom und fließend Wasser und natürlich Internet, wie es sich in Estland gehört. Es gibt eine winzige Bar, die man als Verkaufsstand mit Dach bezeichnen kann. Am Dorfladen treffen sich die Insulaner. 


Wenn die Insulaner etwas Action benötigen, gehen sie ins Kulturhaus, dass im Jahr 1954 gebaut wurde.


Die meisten jungen Leute haben die Insel verlassen, weil es Arbeit nur auf dem Festland gibt. Eine kleine Schule versucht, den Nachwuchs hier zu halten.


Tina Pirrisaar unterrichtet mehrere Fächer und spricht hervorragend Deutsch, wie man im Radioreise-Interview hört. 

Dieser Tag auf Prangli hat uns sehr beeindruckt. Die Ruhe der Insel, die romantischen Strände, die die Insulaner, die nichts so schnell aus der Ruhe bringt.


Mit diesem Erlebnis aus einer für uns scheinbar vergangenen Welt nehmen wir Abschied von Estland und Tallinn. Gleichzeitig bieten wir sehr gerne die kostenfreie Verlängerung an. Auf einer Ostseekreuzfahrt können Sie mit uns alle drei baltischen Staaten besuchen.
OSTSEEKREUZFAHRT - Neun Länder auf einer Schiffsreise

....verpassen Sie nicht die orginelle Verabschiedung dieses Esten in unserer Radioreise.....


Auf ein Wiedersehen in Tallinn!